Die innere Einigung
1. Juli 1990, es ist Helmut Kohls erste große Rede an die Deutschen in beiden Teilen des Landes. Soeben wurde die D-Mark in der DDR eingeführt, der Osten und der Westen des Landes sind nun ökonomisch fest aneinander gebunden. Die politische Vereinigung ist nur noch eine Frage der Zeit. Kohl will den Menschen Mut machen für die neue Zeit, vielleicht hat er sich auch selbst ein bisschen mitreißen lassen von der allgemeinen Begeisterung. Jedenfalls verspricht er den Deutschen "blühende Landschaften" im Osten, in "denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt."
Blühende Landschaften. Dieses Zitat wird den Kanzler noch sehr lange verfolgen. Denn was Kohl nicht ahnen will, oder aber der Bevölkerung verschweigt, ist dass die Wiedervereinigung den Deutschen kein Paradies bringen wird, in dem Wohlstand für Alle ausbricht. Sie bringt eine Zeit der harten Arbeit mit sich, der Entbehrungen und tiefen Einschnitte. Vielleicht hätte er ihnen das sagen sollen, vielleicht hätten die Bürger im Taumel der Einheit den nötigen Preis leichter akzeptiert.
"Blühende Landschaften" in "Dunkeldeutschland"
Sicher ist jedoch, dass schon kurz nach der Einheit aus den "blühenden Landschaften" ein abgewickeltes Stück Land geworden ist. "Dunkeldeutschland" nennen es die Leute im Westen süffisant, die Gegend, in der nach und nach die Lichter ausgehen. Die großen Volkseigenen Betriebe der DDR werden zerschlagen, privatisiert, verkauft, und nur allzu oft verlieren die meisten Beschäftigten dort ihren Job. Und die Aussichten auf neue Arbeit sind mehr als gering.
Denn die Planwirtschaft der ehemaligen DDR ist im internationalen Vergleich nicht konkurrenzfähig. Die Betriebe produzieren Erzeugnisse, die niemand kaufen will, mit veralteten Maschinen und viel zu teuer. Viele Wirtschaftszweige brechen einfach weg, so wie der Erzbergbau, der komplett verschwindet - nach Jahrzehnten der Fördertradition. Nur ganz wenige Betriebe bleiben übrig, weil ihr Know-How auch in der neuen Zeit noch ausgeschlachtet werden kann, wie zum Beispiel die feinmechanisch-optische Industrie in Jena - die Firma Carl Zeiss wird saniert, für die neue Zeit getrimmt und auf den Markt geworfen.
Für den Rest des Landes sind die Zahlen verheerend: nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik sinkt die Industrieproduktion in den Neuen Ländern um knapp 70 Prozent, 95 Prozent der privatisierten Betriebe gehen an Eigentümer außerhalb des Gebiets der ehemaligen DDR. Das Bruttoinlandsprodukt, die Kennzahl der wirtschaftlichen Leistung, sinkt schnell unter das Niveau der DDR-Zeit und erholt sich auch in den folgenden Jahren nicht wieder. Von den 190 größten Unternehmen des vereinten Deutschlands hat keines seinen Hauptsitz in den Neuen Ländern, lediglich Zweigstellen einiger Großunternehmen entstehen dort.
Und bald verschwinden auch die Menschen, wandern ab in den Westen - diesmal fliehen sie nicht vor der Unterdrückung, sondern weil sie verzweifelt Arbeit suchen. In vielen Städten stehen bald zahllose Wohnungen leer, in Dresden sind es etwa 20 Prozent. Und das, obwohl die Städte in den Jahren nach der Wende massiv Wohnraum abreißen liessen - "zurückgebaut" heißt das im Sanierungsdeutsch.
Verlorene Illusionen
Die Ostdeutschen stehen mit offenem Mund daneben und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Das hatten sie nicht erwartet - so viel Hoffnung hatten sie gehabt, und nun das. Viele verstehen nicht, dass die Betriebe, in denen sie so lange gearbeitet hatten, nun nicht mehr erfolgreich sein sollten. Die DDR war im Ostblock stets führend gewesen, ihre Erzeugnisse beliebt. Von Nikita Chruschtschow ist die Anekdote überliefert, dass er einmal einen ostdeutschen Wasserhahn habe abschrauben wollen, weil der ihm so gut gefiel, dass er ihn zu Hause in der Sowjetunion nachbauen lassen wollte.
Vielen fehlt plötzlich die alte Zeit, die soziale Sicherheit der DDR. Dass die hinter den Kulissen stets am Tropf der Bundesrepublik und Moskaus gehangen hatte, wollen die meisten nicht wahrhaben. Die Trostlosigkeit der Gegenwart lässt die Vergangenheit geradezu golden erscheinen - und die Stasi lässt sich mit jedem Jahr leichter vergessen. Hinzu kommt, das die Westdeutschen, die in Scharen durch die ostdeutsche Wirtschaft tingeln, um zu sanieren, zu verkaufen und unerbetene Ratschläge zu geben. Der "Besser-Wessi" wird zum geflügelten Wort für die Ausverkäufer des DDR-Wohlstands.
Die Westdeutschen andererseits sehen in den Menschen aus dem Osten bald nur noch jammernde "Ossis", die nun in Freiheit mehr als undankbar seien. Denn während die Ostdeutschen zuerst die eigenen Probleme sehen, haben die im Westen ganz eigene Schwierigkeiten, auf die sie sich konzentrieren können. Verständnis für den jeweils anderen bringt da keiner auf.
Tiefer Graben zwischen Ost und West
Schließlich fühlen sich die Westdeutschen als Zahlmeister der Wiedervereinigung. Die notorisch an Ressourcen-Knappheit leidende DDR hatte seit Jahrzehnten ihre Infrastruktur vernachlässigt. Die muss nun auf westdeutsches Niveau gebracht werden, um die Regionen international konkurrenzfähig zu machen. Das kostet Geld, sehr viel Geld. Um das aufbringen zu können, führt die Regierung Kohl den "Solidaritätszuschlag" ein - ab sofort müssen die Westdeutschen einen kleinen Anteil ihres Verdienstes für den Aufbau Ost abgeben.
Das ist für die Menschen im Westen immer weniger zu verstehen - denn die Wiedervereinigung belastet auch die Wirtschaft, zusätzlich zur weltweiten Rezession der Jahre nach dem Ende des kalten Krieges. Und bei steigender Arbeitslosigkeit im Westen sinkt die Bereitschaft, dem Osten zu helfen.
Der Graben zwischen Ossis und Wessis ist sehr schnell sehr tief. Als die Mauer fiel, waren sich die Menschen in die Arme gefallen, nun steht man sich missgünstig gegenüber. Der äußeren Einigung muss die innere Einigung folgen, doch die lässt auf sich warten. Langsam nur, ganz langsam nähern sich die Menschen an, und nur wenig überraschend tun sie es im Protest.
Wieder vereint im Protest
Als 2005 die Menschen gegen die Hartz-IV-Gesetze der rot-grünen Bundesregierung protestieren, tun sie es gemeinsam. Überall gehen die Menschen auf die Straße, zu tausenden, einmal mehr, und diesmal in ganz Deutschland. Das Label, unter dem sie protestieren ist ein originär Ostdeutsches - es sind Montagsdemonstrationen, und manchmal, wenn man genau hinhört, rufen West- und Ostdeutsche gemeinsam: "Wir sind das Volk!"
Langsam sterben die Begriffe wieder aus, "Ossi" und "Wessi". Irgendwann werden Deutsche nur noch Deutsche sein, egal, woher sie stammen. Alles, was noch fehlt, ist etwas gegenseitiges Verständnis - und eine ordentliche Portion Geduld. Völker wachsen nicht in ein paar Jahren zusammen - auch nicht, wenn sie zusammengehören.









