Mauerbau
Sonntag, der 13. August 1961. Es ist ein Uhr Nachts, und überall an der Sektorengrenze in Berlin marschieren Trupps der Nationalen Volksarmee, der Grenztruppen, der kasernierten Volkspolizei und der Betriebskampf- gruppen der DDR auf. Insgesamt mehr als 15.000 Mann, bewaffnet mit Stacheldraht und schwerem Baugerät. Die Operation "Rose" ist in vollem Gang - die Abriegelung der Westsektoren vom Rest der Stadt, Mauerbau.
"Wunde" der DDR
Seit mehreren Jahren schon spielt die DDR-Führung um Walter Ulbricht mit der Sperrung von West-Berlin. Seit 1949 hat der die Grenze zur Bundesrepublik Stück für Stück befestigen lassen: zwischen Bayerischem Wald und Ostsee verlief ein breiter Grenzstreifen, gesichert von Wachtürmen, Selbstschussanlagen und Minen. Bewaffnete Einheiten mit Hunden patrouillieren Tag und Nacht, offiziell um den Realexistierenden Sozialismus gegen die Imperialisten zu verteidigen, eigentlich aber, um Menschen von der Flucht in den Westen abzuhalten. Dazu darf gerne auch ohne Vorwarnung geschossen werden. In Berlin aber kann sich jeder, der weg will, einfach in die U-Bahn setzen und in den Westen fahren.
Dieses Schlupfloch ist lebensbedrohlich für die DDR. Denn es sind hoch qualifizierte Arbeiter und Spezialisten, die "rübermachen", Menschen- material, dass die boomende Bundesrepublik gut gebrauchen kann, und das der DDR bitter abgeht. Das Land droht, auszubluten. Und so spricht Ulbricht bald von "einer offenen Wunde", die er so schnell wie möglich schließen will. Überhaupt sieht sich dieser Ulbricht gerne als Frontkämpfer in diesem kalten Krieg und im Aufbau des Sozialismus allgemein.
Denn Ulbricht weiß genau, dass seine Bevölkerung ihm nicht aus wirtschaftlichen Gründen von der Fahne geht. Die Menschen haben genug von der Unterdrückung und der Verfolgung durch die Staatssicherheit. Viele sind spätestens seit dem niedergeschossenen Volksaufstand von 1956 fertig mit dem Staat, der ein Arbeiterparadies sein will. Doch einen weicheren Kurs zu verfolgen und einen milden Sozialismus einzuführen liegt Ulbricht fern - schließlich hat er noch Lenin persönlich gekannt und mit Stalin verkehrt. "Der da hinten kann sich alles leisten", sagt er gerne in kleinem Kreis über die Tauwetter-Experimente des großen Bruders in Moskau, "ich aber sitze im Schützengraben. Welcher Soldat im Schützengraben zündet sich eine Zigarette an?"
Suche nach Alternativen
Deshalb die Mauerlösung. Mit der liegt Ulbricht fortan Kreml-Chef Chruschtschow in den Ohren. Entweder, so Ulbricht, werde die Grenze verrammelt, oder die DDR werde zusammenbrechen. Doch Chruschtschow zögert, der Plan, ein ganzes Volk einzusperren, entsetzt ihn, außerdem sorgt er sich um das Ansehen des Sozialismus in der Welt. Was wird der große Gegner auf der anderen Seite des Atlantiks sagen? Die USA gerieren sich ohnehin schon immer als Befreier der Welt, und angesichts einer sowjetischen Mauer in Berlin könnte die Welt ihnen sogar glauben. Die DDR preisgeben kann Chruschtschow jedoch auch nicht.
Also setzt er auf Konfrontation. Seit wenigen Monaten steht ein neuer, junger Präsident an der Spitze der Vereinigten Staaten - und der alte Haudegen Chruschtschow hält ihn, der Mann heißt übrigens John F. Kennedy, für einen Waschlappen. Deshalb arrangiert er ein einen Gipfel mit Kennedy. Dem unerfahrenen Mann, so sein Kalkül, könne er die Kontrolle über den Zugang nach West-Berlin schon abtrotzen. Damit wäre jeder Flüchtling in Berlin von der Bundesrepublik abgeschnitten, Ulbrichts "Wunde" ganz ohne Mauer geflickt.
Doch Chruschtschow hat Kennedy falsch eingeschätzt. Sollten die Sowjets den Zugang nach West-Berlin sperren, denn "werden wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen", so Kennedy. "Wir wollen keinen Krieg", droht Chruschtschow, "wenn Sie ihn uns aber aufzwingen, wird es einen geben." Aber Kennedy bleibt ruhig : "Es scheint einen kalten Winter zu geben in diesem Jahr." Am Ende erhält der Kreml-Chef nicht die erwünschten Zugeständnisse. Im Gegenteil, Kennedy weiß nun, woran er ist. "Solange der glaubt, ich habe keine Erfahrung und kein Rückgrat, werden wir mit ihm kein Stück weiterkommen", erklärt er später einem Journalisten. Kennedy beschließt ein gigantisches Aufrüstungsprogramm. Nun würde Chruschtschow Berlin nur mit einem Krieg gewinnen, den er nicht wollte.
Chruschtschow akzeptiert die Mauer
Damit sind alle Alternativen ausgeschöpft, und zähneknirschend akzeptiert der Kreml die Mauerlösung. Am 6. Juli tritt der Sowjetdiplomat Julij Kwizinski im Auftrag des Botschafters an Ulbricht heran. "Wir haben ein Ja aus Moskau!" Ulbricht hat nun, was er will - und verliert keine Zeit. Noch im Juli wird eine Gruppe aus NVA-Offizieren gebildet, die die Aktion planen sollen, unter allerstrengster Geheimhaltung. Niemand soll von der Geschichte erfahren, vor allem nicht die Verzweifelten, die mit dem Gedanken spielen, die DDR zu verlassen. Das Regime befürchtet eine Massenflucht.
In enger Abstimmung mit den sowjetischen Truppen entsteht sehr schnell der Plan für Operation "Rose". Auf Anregung Ulbrichts sollte alles an einem Sonntag über die Bühne gehen. Der SED-Chef rechnet damit, dass die Berliner im schönen Sommerwetter lieber einen Ausflug ins Grüne machen würden, als zu protestieren- das eiskalte Kalkül eines Diktators. Polizisten und Betriebskampfgruppen sollen die Grenzübergänge sperren, während dahinter die NVA das Entstehen des "antiimperialistischen Schutzwalls" gegen die eigene Bevölkerung schützen solle. Und damit auch alles reibungslos über die Bühne geht, betraut Ulbricht seinen besten Mann mit dem Mauerbau.
Der junge Erich Honecker ist Sekretär für Sicherheitsfragen, vor allem aber genießt er das Vertrauen des Diktators, weil er zu ihm gehalten hatte, als ihn das Politbüro während der Unruhen '56 hatte absetzen wollen. Der gebürtige Saarländer und Überzeugungstäter macht sich eifrig an die Arbeit. Vor allem müssen logistische Probleme gelöst werden - so kann die Planwirtschaft der DDR in so kurzer Zeit nicht genügend Stacheldraht bereitstellen. Also rafft Honecker im gesamten Ostblock jeden Millimeter des "Sperrmittels" zusammen, den er kriegen kann. Die werden kreuz und quer durch die DDR verschoben, bevor sie nach Berlin gelangen - schließlich sollen die Westmächte nicht mißtrauisch werden.
Der Plan läuft ohne Störung
Dabei wissen die längst Bescheid oder raten gut. Bereits am 6. August erhält der amerikanische Geheimdienst CIA einen heißen Tipp aus dem Umfeld des Politbüros. Demnach seien "drastische Maßnahmen" geplant, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Auch die Franzosen erfahren von ihrem Top-Informanten, einem Zahnarzt, der hochrangige SED-Leute behandelt, früh von dem Plan. Verhindern können oder wollen sie ihn nicht. Einerseits haben die Verbündeten in Westberlin nicht genug Kräfte, um einen Mauerbau effektiv zu verhindern. Andererseits fürchtet man seinerseits einen Krieg. So konstatiert Kennedy später, die Mauer sei "keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg."
Also läuft der Plan der SED ganz ungestört. Ulbricht täuscht ganz vergnügt die Massen mit einem berühmt gewordenen Satz: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Währenddessen werden die Einsatztruppen für die Aktion im Großraum Berlin in aller Ruhe aufgestellt, Honecker bringt seine Männer in Stellung. Es ist der 12. August, ein Samstag - am folgenden Tag soll die Sektorengrenze in Berlin zementiert werden. Die Berliner ahnen nichts, weder die im Westen, noch die im Osten.
So sind auch alle völlig überrascht, als am nächsten Morgen sämtliche Grenzübergänge gesperrt und die Bauarbeiten an der Grenzsperre in vollem Gange sind. Es kommt zu dramatischen Szenen, fast an allen Übergängen. Die Volkspolizei berichtet von tumultartigen Vorkommnissen auf beiden Seiten der Grenze - die Berliner wollen sich nicht so einfach trennen lassen. Verzweifelte Menschen winken mit Taschentüchern nach "drüben", verabschieden sich von ihren Verwandten. An manchen Grenzübergängen versuchen westdeutsche Polizisten, die Menge unter Kontrolle zu bringen und greifen zum Schlagstock - die Berliner rufen ihnen zu: "Ihr schlagt gegen die falsche Seite!"
Verzweifelte Szenen an der Mauer
Überall versuchen Ost-Berliner, im letzten Moment doch noch in den Westen zu gelangen. An vielen Stellen liegen Häuser direkt an der Zonengrenze - das Haus steht in der DDR, die Straße liegt in der Bundesrepublik. Dort springen zu allem entschlossene Menschen aus dem Fenster aufs westdeutsche Pflaster, die West-Berliner bilden Trupps mit Sprungtüchern. An anderer Stelle springen die Menschen über die noch unfertigen Stacheldrahtverhaue - so wie der junge Grenzsoldat Conrad Schumann. Der Neunzehnjährige sollte eigentlich die Grenze schützen, nutzt jedoch einen unbeobachteten Moment und springt in voller Uniform über die Grenze in die Freiheit. Ein Westberliner schießt von dieser Flucht das wohl berühmteste Bild des Mauerbaus.
Bis zum Abend jedoch stehen die ersten, provisorischen Grenzbefestigungen, und die Situation beiderseits der Grenze ist unter Kontrolle. Die SED frohlockt, alles ist glänzend gelaufen, und auch die Westmächte scheinen sich mit der Situation abzufinden. Ulbricht, der Diktator, ist strahlender Laune - und hochzufrieden mit Honecker, der ab sofort sein heimlicher Kronprinz ist. Am nächsten Tag wird Kanzler Adenauer seine Westdeutschen zu Besonnenheit aufrufen. Die westdeutsche Führungsriege akzeptiert die Mauer als notwendiges Übel. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel Willy Brandt, der Berliner Oberbürgermeister, der wutentbrannt den alliierten Stadtkommandeuren vorwirft, sie hätten sich "von Ulbricht in den Hintern treten lassen".
Die SED hat gewonnen, die Grenze ist gesichert. Dass die Diktatur sich mit der Aktion jedoch selbst das Verfallsdatum ausgestellt hat, ahnt da noch keiner. Die eingesperrten DDR-Bürger können lange unter Kontrolle gehalten werden, aber nicht für immer. Am Ende wird die DDR sich selbst befreien.










