Anbruch einer neuen Zeit?
Die heile Plastikwelt der fünfziger Jahre ist behaglich. Alles ist sauber, alles aufgeräumt, und heimelig zusammen gekuschelt unter den gestickten Jagdszenen an der Wand lässt sich der Alptraum des dritten Reiches prima vergessen. Doch in dieser Welt wird eine Generation groß, die nicht vergessen will, sondern nachfragen, und die sich nach tieferen Gedanken sehnt als sie der nächste Heimatfilm bieten kann.
Die Eltern gehören der "Flakhelfergeneration" an, sie haben den Krieg und die Nazis erlebt, sind die Verführten und schämen sich nun oft für ihr Mitläuferdasein. Man will seine Ruhe haben, und nichts soll sich verändern - Muff als Lebensziel. Die Kinder fühlen sich davon jedoch schnell erdrückt.
Flucht aus der Idylle
Und die Kinder werden erwachsen. Während die Eltern im Wohnzimmer in das Idyll von Sissi und Co. flüchten, lesen in den Jugendzimmern die Teenager Jack Kerouac oder William Burroughs, hören Beatmusik und beginnen, nachzudenken. Individuelle Freiheit abseits der gesellschaftlichen Normen, das ist die Botschaft der Beatgeneration, und die jungen Gefangenen der deutschen Risopal-Welt lauschen ihr begierig.
In den Köpfen der Jungen reift die Erkenntnis, dass es mehr geben muss als nur den Wohlstandsglauben der Eltern. Die Sehnsucht wächst nach neuer Orientierung, nach Idealen die über materielle Versorgung hinaus gehen. Holden Caulfield, tragischer Held in J.D. Salingers "Fänger im Roggen" bringt diese Sehnsucht auf den Punkt, als er für einen Moment davon träumt, aus seiner behüteten Welt reicher Eltern auszubrechen, und auf dem Land ein einfaches Leben zu führen. Der Kampf gegen die "Phoniness" in der Welt als Vorbild für Pubertierende mit Freiheitsdrang.
Die Teenager bleiben jedoch nicht allein. Aus den gemeinsamen Sehnsüchten, den neuen Ideen und der heimlichen Rebellion gegen die Eltern wächst eine Jugendkultur heran, die sich, zunächst völlig unpolitisch entwickelt. Die Freiheit gedeiht in den länger werdenden Haaren, der Musik, die dem Geschmack der Eltern so gar nicht entspricht. Man will anders sein, den Muff abschütteln. Aber Politik, Widerstand, Protest? Fehlanzeige.
Kein Entkommen vor der Politik
So ganz ausblenden können die Politik aber auch sie nicht. So erleben die Kinder Mitte der Fünfziger, wie die Eltern doch einmal auf die Straße gehen - die Republik soll eine Armee bekommen. Den kriegsmüden Deutschen schmeckt das wenig, und so protestiert man für den Frieden und gegen die Bundeswehr. Als dann die Truppe 1958 auch noch Atomwaffen erhalten soll, protestieren die Eltern abermals - und die Kinder hören ganz neue, bedrohliche Vokabeln: Kalter Krieg, Atomare Vernichtung.
Später, die Kinder sind längst junge Erwachsene, kommen ureigene, deutsche Verbrechen aufs Tapet. 1961 kommt Adolf Eichmann, Bürokrat und Organisator des Holocaust, vor ein israelisches Gericht, und endlich können die Deutschen nicht mehr wegsehen. Die Jungen beginnen sich dafür zu interessieren, was die Eltern denn so in diesem dritten Reich angestellt haben - und müssen entdecken, dass bis hinein in die Staatsspitze noch viele der alten Mitläufer sitzen. Einer von ihnen, Kurt Georg Kiesinger, wird 1966 sogar Kanzler einer großen Koalition aus SPD und CDU.
Überhaupt, die große Koalition. In den sechziger Jahren schon nähern sich die beiden Volksparteien bis zur Unkenntlichkeit an - im Wahlkampf von '65 unterscheidet man sich nur noch kaum in den Slogans. Konsequenterweise umarmen sich die Parteien dann auch in der Tagespolitik. Die Hochzeit der beiden Riesen lässt allerdings wenig Raum für Opposition - die kleine FDP, selbst nicht gerade von radikal anderen Überzeugungen als Union und Sozialdemokraten, bleibt als einzige andere Stimme übrig.
Die Macht der Studenten
Das provoziert geradezu Unmut, besonders den der Studenten, zu denen viele der unzufriedenen Teenagern von einst inzwischen herangewachsen sind. Wo ihr Potential liegt wissen sie genau - schließlich haben es ihnen amerikanische Kommilitonen vorgemacht. Fasziniert beobachtet von den Deutschen organisieren sich im kalifornischen Berkeley Studenten im "Free Speech Movement", einer Organisation, die sich, gegen jedes Verbot, in der Hochschulpolitik engagiert. Als die Obrigkeit versucht, die aufmüpfigen Studenten zu disziplinieren, versammeln sie sich zu tausenden, leisten friedlichen Widerstand mit Hausbesetzungen und Kundgebungen - und gewinnen. Der Präsident der Universität muss die Studenten als Gesprächspartner akzeptieren.
So sind es dann auch in Deutschland Reformen an den Hochschulen, die viele Studenten zuerst politisch aktiv werden lässt. So erlebt der SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund, einen wahren Ansturm neuer Mitglieder. Schnell wird jedoch klar, dass sich das Engagement nicht auf die Hochschulen beschränken wird. "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren", das Motto im Kampf um die Modernisierung der Hochschulen macht deutlich: hier geht es um eine grundsätzliche Abrechnung mit der Gesellschaft.
Revolte gegen die Elterngeneration
Als dann die große Koalition konkrete Pläne für Notstandsgesetze vorlegt, die im Ausnahmezustand der Regierung umfassende Vollmachten geben sollten, fällt der Startschuss. In intellektuellen Kreisen geht die Angst vor einem "neuen 1933" um, und im SDS wird erstmals die Notwendigkeit einer "außerparlamentarischen Opposition" diskutiert. Die Studentenbewegung wagt den Sprung von der Hochschule in die Mitte der Gesellschaft.
Dabei ist es nicht nur das autoritäre Gehabe der Regierung zu Hause, das die Studenten zu diesem Schritt bewegt. Es sind politische Zeiten, und überall auf der Welt scheint es zu brennen. In den USA kämpft seit Jahren die Bürgerrechtsbewegung für die Rechte der Schwarzen, in Persien lässt der von der CIA gestützte Schah Oppositionelle foltern und in Vietnam geht der Krieg in eine neue, blutige Phase. Deshalb ist der Protest von Anfang an klar international, anti-amerikanisch und sympathisiert mit sozialistischen und kommunistischen Ideen. Die Kinder treiben die Revolte gegen die Eltern auf der Spitze, die stets in Angst vor der "roten Gefahr" und in blinder Verehrung der Schutzmacht USA gelebt haben. Die Studentenrevolte - auch Ausdruck spätpubertierender Auflehnung gegen die Elterngeneration.
Alles scheint möglich
Den Intellektuellen Überbau erhalten die Proteste von einigen der namhaftesten Denkern des Landes. Theodor Adorno und die Männer der Frankfurter Schule verleihen der Bewegung mit ihren kritischen Staats- und Gesellschaftsanalysen tieferen Sinn - ihre ideologie- und autoritätskritischen Theorien mit der impliziten Aufforderung zur Änderung des Status Quo elektrisieren die Studenten. Die Spaßguerilla, die der staatlichen Drohung mitreißende Slogans und absurde Aktionen entgegensetzt, fordert den Staat heraus, indem sie ihn nicht ernst nimmt.
Bald ist die Studentenbewegung ein Massenphänomen - obwohl nur eine Minderheit im SDS organisiert ist. Doch die Zahl der Sympathisanten der Bewegung steigt, und ihre Sprechchöre dringen in die Hallen der Mächtigen vor. Die Etablierten beginnen, die Studenten zu fürchten, und für einen kurzen Moment scheint alles möglich. Die Träume der Jugend liegen auf der Straße, und in diesen beiden Jahren träumt die Jugend davon, die Welt zu verändern.











