Die Währungsreform
Die Nacht des zwanzigsten Juni 1948: überall in Deutschland rollen amerikanische und britische Militärfahrzeuge über die Straßen. Die Konvois sind schwer bewacht, bis an die Zähne bewaffnete Militärpolizisten starren misstrauisch hinaus in die Dunkelheit. Sie haben allen Grund dazu. Schließlich schlummert auf den Ladeflächen ihrer Lastwagen ein Vermögen: zwei Milliarden D-Mark, die neue Währung der Deutschen.
Warten auf den "Tag X"
Die warten schon lange auf diesen Tag X. Es hätte Gerüchte gegeben, und die Zeitungen, so man sie sich denn leisten konnte, waren voll von wilden Spekulationen. Die Menschen verloren endgültig das Vertrauen in die alte Reichsmark. Ladenbesitzer hielten immer mehr ihrer Waren versteckt, wollte man doch lieber in harter, neuer Währung bezahlt werden. Reichsmark und das alte System der Bezugsscheine drohten, endgültig zusammenzubrechen. So wurden die ohnehin schon kärglichen Aussichten noch trüber, und die Deutschen blickten immer gespannter auf die alliierten Behörden.
Am 19. Juni dann endlich die Erlösung: die Westalliiierten verkünden das Währungsgesetz für ihre Zonen. Jeder Deutsche soll vierzig D-Mark "Kopfgeld" gegen vierzig alte Reichsmark erhalten, Löhne und Mieten werden eins zu eins auf die neue Währung umgestellt. Schulden sollten in D-Mark nur noch ein Zehntel der alten Summe betragen.
In allen deutschen Städten werden daraufhin Ausgabestellen eingerichtet, um dem erwarteten Ansturm zu begegnen. Die Aktion ist eine gigantische Logistikaufgabe: 500 Tonnen in den USA und Großbritannien gedruckter Geldscheine müssen in ganz Deutschland verteilt werden, unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen und unter Aufsicht der alliierten Besatzer. Hartgeld gibt es anfangs noch nicht, auch kleine Beträge werden als Schein ausgegeben.
Fiebrige Erwartung
Die Nacht verbringt das Land in seltsamer Anspannung. Während die bewachten Geldtransporte durch die Nacht rollen, liegen die Deutschen gespannt in ihren Betten. Oder feiern Partys in merkwürdiger Übergangsstimmung. So stoppen Punkt Mitternacht manche Kapellen die Musik. Sie wollen mit Inkrafttreten der neuen Währung keine Bezahlung in Reichsmark mehr annehmen und müssen mit Weinflaschen entlohnt zum Weiterspielen bewegt werden. Anderswo verabschiedet man sich auf ganz eigene Weise von der alten Währung. Der Schriftsteller Hans Werner Richter in einem Interview von 1968: "Ab Mitternacht häuften sich die Reichsmarkscheine auf der Toilette, aufgespießt auf einen Haken, als Toilettenpapier. Es machte anscheinend jedermann Vergnügen, sich damit - Verzeihung - den Arsch zu wischen."
So warten Millionen Deutsche auf ihren Anteil an der neuen Währung, und schon im Morgengrauen des 20. Juni bilden sich riesige Schlangen vor den Filialen. Viel anfangen können die Bürger mit dem Geld jedoch noch nicht. Der zwanzigste ist ein Sonntag, und alle Geschäfte haben geschlossen.
"Auf einmal gab es Alles!"
Der folgende Morgen hält jedoch eine Überraschung bereit. Über Nacht, so scheint es, ist aus dem Mangel der vergangenen Jahre ein märchenhafter Überfluss geworden. Die Schaufenster der Läden sind zum Bersten gefüllt: Fleisch, Gemüse, Milch, Luxusartikel. Es sind gehortete Waren, die die Händler nun gegen harte Währung verkaufen wollen. Die Deutschen sind begeistert. Zuvor hatte man sich das Nötigste über Tauschgeschäfte auf dem Schwarzmarkt besorgt. Bezahlt hatte man in der heimlichen Parallelwährung: Zigaretten. Wechselkurs: eine Zigarette zu sechs Reichsmark.
Zwar können sich viele Deutsche auch jetzt nur ein kleines Stück vom neuen Überfluss leisten, doch bleibt die Erinnerung an dieses Wunder der Währungsreform im kollektiven Gedächtnis der Deutschen haften. Und wird zum Grundstein eines neuen Lebensgefühls: "Auf einmal gab es Alles!"
Konsum war das Gebot der Stunde. Aber auch der Gedanke des "sich hoch Arbeitens". Denn Leistung wurde nun in harter D-Mark entlohnt. Einige der größten unternehmerischen Erfolgsgeschichten der Nachkriegszeit nahmen hier Ihren Anfang. Es schlug die Stunde der Selfmade-Men wie Josef Neckermann, die mit ihren 40 Mark den Grundstein für gewaltige Firmenimperien legten. "Vor der Währungsreform hatte ich keine materiellen Güter sammeln können", erinnert sich Neckermann in einem Interview, das er später dem Spiegel gab. "Mein erstes D-Mark-Geschäft war der Verkauf von tausend Dutzend Handtüchern. Das Handtuch-Geschäft wurde die Basis für die Gründung einer Textilgroßhandlung (...) in Frankfurt." Der Keimzelle des späteren Neckermann-Versandhandelsimperiums.
Mythos D-Mark
Die Währungsreform beendete nicht auf einen Schlag das Elend der Nachkriegszeit. Aber in den Köpfen der Menschen stellte Sie einen Wendepunkt dar. Der Mythos D-Mark wurde hier geboren, die Währung, mit der alles zu kaufen war, der Inbegriff neuen Wohlstands. Mit Ihr wurde der Grundstein gelegt für das spätere Wirtschaftswunder der noch zu gründenden Bundesrepublik Deutschland. Aber die Reform verschärfte auch den Gegensatz zwischen den Westmächten und der Sowjetunion, deren Besatzungszone nicht Teil des D-Mark-Raums wurde. So war die Währungsreform auch der erste Schritt auf dem Weg zur faktischen Teilung Deutschlands.










